"Keine Allzu Hoffnungsvollen Lösungen für Großstädte"
Spaniens Regierung sagt der Wohnungsnot im Land den Kampf an. Das Parlament soll über ein Paket abstimmen, das besseren Schutz vor Zwangsräumung vorsieht, befristete Mietverträge erschwert und gegen Immobilienspekulation vorgeht. Außerdem soll es mehr öffentliche Wohnungen geben - und weniger Wohnraum für Touristen. Ob die Minderheitsregierung in Spanien für das Paket eine Mehrheit erhält, ist aber noch unklar.
Auslöser für das Gesetzesvorhaben: die landesweiten Proteste nach der Zwangsräumung der 87-jährigen Maricarmen Abascal. Sie wurde zum Symbol einer sich zuspitzenden Wohnungskrise im Land.
- Fall Maricarmen: Spanien plant Maßnahmen gegen Wohnkrise
Wohnungsnot sei kein Problem von Spanien allein, sagt Ökonom Konstantin Kholodilin. Auch Deutschland sei betroffen - wie auch andere Länder:
Sehen Sie das Interview oben im Video in voller Länge oder lesen Sie es hier in Auszügen. Das sagte Kholodilin über ...
... Die Ursachen Der Wohnungsnot
Entscheidend für die Zunahme bei der Wohnungsnot sei grundsätzlich der Unterschied zwischen Angebot und Nachfrage. "Die Nachfrage steigt deutlich schneller als das Angebot." Doch welche Maßnahmen können der Wohnungsnot - auch in Deutschland - überhaupt etwas entgegensetzen?
Fall Maricarmen: Was Steckt Dahinter?
Die 87-jährige Maricarmen Abascal war am Mittwoch vergangener Woche auf einer Trage aus ihrer zwangsgeräumten Wohnung in Madrid geholt worden, nachdem ein Investor den Mietpreis um 275 Prozent erhöht hatte. Sie hatte 70 Jahre lang in der Wohnung gelebt. Das Schicksal der Rentnerin hatte zu landesweiten Protesten geführt.
Am Montagabend erklärte ihre Anwältin Beatriz Duro, sie habe mit den Eigentümern der Immobilie eine Einigung über die Rückkehr der Rentnerin in ihre alte Wohnung erzielt - die massive Mieterhöhung sei vom Tisch.
Als Reaktion auf die Proteste hat die spanische Regierung am Dienstag ein Gesetzespaket verabschiedet, das die Verlängerung von befristeten Mietverträgen und ein Moratorium für Zwangsräumungen vorsieht. Das Paket soll auch gegen Immobilienspekulation und Wohnungsknappheit durch Tourismus vorgehen.
(Quelle: AFP)
Was Sind Die Ursachen Der Wohnungsnot In Spanien?
Die Ursachen für die Wohnungsnot in Spanien sieht ZDF-Korrespondent Thomas Walde vor allem im Wirtschaftswachstum des Landes und in viel Kapital aus dem Ausland, etwa aus Lateinamerika. Dadurch werde Wohnraum immer begehrter und teurer, während die Löhne nicht mehr mithalten könnten. Ergebnis sei ein "Verdrängungswettbewerb", so Walde. Für eine bauliche Verdichtung gebe es kaum noch Raum. Zudem gelte: "Städtische Wohnungsgesellschaften kommen nicht mehr hinterher."
Ob das Entlastungspaket der Regierung tatsächlich hilft, ist aus Waldes Sicht offen. "Da kann man noch ein Fragezeichen machen, ob das so durchgeht", sagt er mit Blick auf das Parlament. Ein weiteres Fragezeichen sieht er bei der Frage, ob das Paket dem Kern des Problems überhaupt etwas entgegensetzt: der Knappheit von Wohnraum.
... Enteignungen Als Lösung
Enteignungen, wie die Berliner Linke sie in der Hauptstadt umsetzen möchte, seien laut dem Experten keine Lösung, denn: "Enteignen schafft keinen neuen Wohnraum." Das Geld werde umverteilt, ohne neue Wohnungen zu schaffen. Außerdem müsse man Milliarden an Schulden aufnehmen.
Außerdem würde dies zu einem Verdrängungseffekt führen. Wohnungsunternehmen, die auch künftig Wohnraum durch Bauen schaffen wollten, würden vermutlich abwandern. Und: "Die Wohnungen, die sie gebaut hätten, die würden uns allen fehlen."
- Jan van Aken bei "Lanz": "Wir wollen enteignen"
... Einen Mietendeckel Und Ein Airbnb-Verbot
Im Gespräch war zuletzt auch die Einführung eines Mietendeckels. Gesetze zur Mietbegrenzung "können ziemlich effektiv sein, was die Mietsenkung angeht", so Kholodilin, sie könnten aber auch zu weiteren Problemen führen - etwa indem sie das Angebot von zur Vermietung stehenden Wohnungen verringern oder dazu führen, dass deren Qualität leidet.
Konstantin Kholodilin...
... ist Ökonom und forscht seit 2005 am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Sein Forschungsgebiet ist der Immobilien- und Wohnungsmarkt. Außerdem entwickelt er Methoden, mit denen sich wirtschaftliche Entwicklungen prognostizieren lassen. (Quelle: DIW)
Immer wieder in der Kritik sind auch Anbieter wie Airbnb. Tatsächlich seien solche ein Problem: Ihr ursprüngliches Ziel, Wohnraum zu teilen, wurde schnell nicht mehr erfüllt. Vielmehr entdeckten kommerzielle Anbieter die Plattform und schufen reine Ferien-Objekte - mit Folgen für das Angebot und die Mietpreise. Bisherige Verbote zeigten allerdings noch keine Wirkung, so der Forscher. Der Einfluss auf den gesamten Wohnungsmarkt sei begrenzt:
... Die Unterschiede Von Stadt Und Land
Mit Blick auf Deutschland zeige sich, dass das Interesse an Wohnungen sehr ungleich verteilt sei. Es gebe "große leere Bestände" - allerdings "nicht in den Orten, wo man wohnen möchte". Hier brauche es ein besseres Gleichgewicht. In Großstädten sei zudem die Zahl der Single-Haushalte sehr hoch.
Der Ökonom appelliert: "Vielleicht könnte man existierenden Bestand klüger ausnutzen." Ein Vorschlag: größere Wohnungen in kleinere zu teilen, um ohne zusätzliche Bauinvestitionen und Emissionen Wohnraum für die Leute in der Stadt zu schaffen.
- Gegen die Wohnungsnot: Wenn Büros zu Wohnraum werden
Eine Lösung sei auch die Verdichtung von Städten - durch zusätzliche Etagen auf Gebäuden und die Nutzung zusätzlicher Flächen. Hier aber käme die Infrastruktur der Stadt an ihre Grenzen. In Städten wie Hongkong sei die Architektur sehr kompakt - aber die Mietpreise dennoch höher als in London.
... Hoffnungen Auf Den "Silver Tsunami"
Den sogenannten "Silver Tsunami", also eine vermutete Welle von leer werdenden Einfamilienhäusern der Boomer-Generation, bewertet der Experte vorsichtig. Zusätzliche Immobilien auf dem Markt seien vor allem in ländlichen Regionen wahrscheinlich, wo es ohnehin mehr Leerstände gebe als in der Stadt.
- Spült der demografische Wandel mehr Immobilien auf den Markt?
"Für Großstädte wird das leider keine Entwarnung sein. Bei kleineren Städten und ländlichen Gebieten wird das nur das Problem der leerstehenden Immobilien verschärfen und die Preise dort nach unten ziehen - aber das hilft den Stadteinwohnern nicht so viel."
... Handlungsspielraum Von Städten Und Kommunen
Mit Blick auf die Lage in Ballungszentren ist der DIW-Experte wenig optimistisch:
Eines der wenigen Mittel könne die Erweiterung der kommunalen Wohnungsbestände sein. Diese sei aber mehr eine "Linderung" als eine Lösung. In den letzten Jahren hätten beispielsweise die kommunalen Träger in Berlin "sehr viel gebaut", erklärt Kholodilin. "Wenn man die weiter unterstützt, dann kann man ihren Anteil noch erhöhen. Und dementsprechend ihren Einfluss auf den Wohnungsmarkt in Berlin und anderen Großstädten."
Das Interview führte ZDFheute live-Moderatorin Alica Jung. Autor der Zusammenfassung ist ZDFheute-Redakteur Silas Thelen.
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Über dieses Thema berichtete ZDFheute live am 29.09.2026 ab 17:30 in "Fall mit Signalwirkung?".
Die 87-jährige Maricarmen Abascal war am Mittwoch vergangener Woche auf einer Trage aus ihrer zwangsgeräumten Wohnung in Madrid geholt worden, nachdem ein Investor den Mietpreis um 275 Prozent erhöht hatte. Sie hatte 70 Jahre lang in der Wohnung gelebt. Das Schicksal der Rentnerin hatte zu landesweiten Protesten geführt.
Am Montagabend erklärte ihre Anwältin Beatriz Duro, sie habe mit den Eigentümern der Immobilie eine Einigung über die Rückkehr der Rentnerin in ihre alte Wohnung erzielt - die massive Mieterhöhung sei vom Tisch.
Als Reaktion auf die Proteste hat die spanische Regierung am Dienstag ein Gesetzespaket verabschiedet, das die Verlängerung von befristeten Mietverträgen und ein Moratorium für Zwangsräumungen vorsieht. Das Paket soll auch gegen Immobilienspekulation und Wohnungsknappheit durch Tourismus vorgehen.
(Quelle: AFP)
Die Ursachen für die Wohnungsnot in Spanien sieht ZDF-Korrespondent Thomas Walde vor allem im Wirtschaftswachstum des Landes und in viel Kapital aus dem Ausland, etwa aus Lateinamerika. Dadurch werde Wohnraum immer begehrter und teurer, während die Löhne nicht mehr mithalten könnten. Ergebnis sei ein "Verdrängungswettbewerb", so Walde. Für eine bauliche Verdichtung gebe es kaum noch Raum. Zudem gelte: "Städtische Wohnungsgesellschaften kommen nicht mehr hinterher."
Ob das Entlastungspaket der Regierung tatsächlich hilft, ist aus Waldes Sicht offen. "Da kann man noch ein Fragezeichen machen, ob das so durchgeht", sagt er mit Blick auf das Parlament. Ein weiteres Fragezeichen sieht er bei der Frage, ob das Paket dem Kern des Problems überhaupt etwas entgegensetzt: der Knappheit von Wohnraum.
... ist Ökonom und forscht seit 2005 am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Sein Forschungsgebiet ist der Immobilien- und Wohnungsmarkt. Außerdem entwickelt er Methoden, mit denen sich wirtschaftliche Entwicklungen prognostizieren lassen. (Quelle: DIW)
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